Zum Lobe meines Schuhmachers

Der Spaziergang nach Syrakus

Lieber Freund!

Am 06. Dezember 1801 hat der deutsche Dichter Johann Gottfried Seune in Grimma bei Leipzig sein bündel geschnürt und ist über Prag, Wien, Triest, Venedig, Rom bis Syrakus und über Florenz, Mailand, Paris wieder heim gelaufen, wo er neun Monate später und nach 6000 Kilometer ankommt. Darüber hat er ein tolles Buch geschrieben «Spaziergang nach Syrakus». 1763 ist er als Bauernsohn geboren und wollte eigentlich Schuster werden, aber dank gräflicher Gnaden konnte er Latein und Griechisch lernen und Theologie studieren – bis ihm der Glaube abhanden kam. Arm wie er war, hat er sich von englischen Werbern als Söldner anwerben lassen, wird mit anderen armen Schweinen ins nordamerikanische Halifax verschafft, leidet wie ein Hund und haut ein Jahr später ab etc. Ein toller Kerl, ein wahrhaft unabhängiger Denker – der ein schweres Leben gehabt hat. Aber was ich Dir eigentlich erzählen will, ist das, was er einem Freund nach seiner grossen Wanderung geschrieben hat:

«Zum Lobe meines Schumachers, des mannhaften alten Heerdegen in Leipzig, muss ich Dir noch sagen, dass ich in den nehmlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und dass diese noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung mitzumachen.»

So ähnlich lob ich dich, wenn ich fast täglich in meine Wanderstiefel steige! Jetzt stell dir mal vor, wie ich Dich erst loben werde, wenn Du mir ein Paar Schuhe gebaut haben wirst!!! Können wir das mal angehen?

Ich grüsse Dich und Andrea herzlich und harre eines Zeichens

Rolf